Neue archäologische Erkenntnisse zum römischen Oberwinterthur
Auf dem heutigen Kirchhügel in Oberwinterthur lag einst das Zentrum der römischen Siedlung Vitudurum. Eine aktuelle archäologische Publikation zeigt, wie sich die kleinstädtische Siedlung zur spätantiken Festung wandelte.

Quelle: bunterhund Illustration (bunterhund.ch) / J. Rohrer (bildebene.ch).
Blick auf das Zentrumsquartier der römischen Siedlung Vitudurum (Rekonstruktionsversuch). Quelle:
Die ehemalige Römersiedlung Vitudurum sei seit rund 200 Jahren Gegenstand archäologischer Forschung, heisst es in einer Mitteilung der Zürcher Baudirektion von Mittwoch. Ein besonderes Augenmerk galt dabei von Anfang an dem Zentrumsquartier auf dem heutigen Kirchhügel von Oberwinterthur.
In der neuen Publikation «Das Zentrumsquartier im römischen Oberwinterthur» legt der Zürcher Archäologe Markus Roth nun eine umfassende Analyse dazu vor. Seine Auswertungen und Interpretationen erweitern laut der Baudirektion das Bild der einstigen Siedlung und liefern wichtige Impulse für dessen weitere Erforschung.
Zentrum von Vitudurum
Die römische Siedlung Vitudurum im heutigen Oberwinterthur wurde gemäss Mitteilung im ersten Jahrzehnt vor Christus gegründet. Spätestens um 30 n. Chr. begann die Überbauung auf dem heutigen Kirchhügel, wo das Zentrumsquartier und damit das Herz der neuen Siedlung entstand. Das Quartier habe sich von Anfang an durch einen grossen und weitläufigen Platz ausgezeichnet, der von Häusern umgeben war.
In der weiteren Entwicklung kamen ein zentraler Tempel und eine öffentliche Badeanlage, später ein zweiter Tempel sowie ein basilikaartiges Gebäude hinzu. Die Art dieser Bauten lasse am Charakter des Quartiers als Zentrum und Kern des Gemeinwesens keinen Zweifel, schreibt die Baudirektion.
Wer die Tempel stiftete und welchen Gottheiten sie geweiht waren, sei hingegen unklar. Funde in der Nähe des Tempels deuteten jedoch auf einen Kult des Götterboten Merkur und des Soldatengotts Jupiter Dolichenus hin.

Quelle: bunterhund Illustration (bunterhund.ch) / J. Rohrer (bildebene.ch)
Blick auf die in der Spätantike errichtete Befestigungsanlage auf dem heutigen Kirchhügel in Oberwinterthur (Rekonstruktionsversuch).
Vom Zentrumsquartier zur Befestigungsanlage
Archäologische Funde zeigen, dass es im Übergang zur Spätantike in Vitudurum zu «tiefgreifenden Veränderungen kam». So wurden die öffentlichen Gebäude und die Häuser im Zentrumsquartier in der zweiten Hälfte des 3. Jahrhunderts abgetragen, um Platz für eine Befestigungsanlage zu schaffen und Material für deren Bau zu gewinnen.
«Aller Wahrscheinlichkeit nach diente die Anlage in erster Linie als Zufluchtsort für die Bevölkerung in einer von wirtschaftlicher Instabilität und von äusseren Bedrohungen geprägten Zeit», heisst es weiter. Eine wichtige Quelle für die Errichtung der neuen Wehranlage sei eine Inschrift aus dem Jahr 294 n. Chr., die nicht nur den Bau selbst bezeuge, sondern mit Kaiser Diokletian auch den Auftraggeber benenne.
Schneckenhäuser und Ring mit Inschrift
Neben der Entwicklungsgeschichte bietet die Publikation durch Funde und Befunde auch Einblicke in das Alltagsleben der Römersiedlung und ihre wirtschaftliche Verflechtung. Dazu gehören etwa Schneckenhäuser, die auf damalige Essgewohnheiten hinweisen, aber auch ein goldener Ring mit der Inschrift «Constantino fidem» – gemäss Mitteilung eine Treuebekundung zu Kaiser Konstantin dem Grossen.
Als besonders aufschlussreich erweise sich die chemische Untersuchung römischem Tafelgeschirr. Auf deren Grundlage habe eine Handelsbeziehung nach Rheinzabern, Trier, Augst und Avocourt in den Argonnen nachgewiesen werden können. Mit der Untersuchung weiterer Importware wie Amphoren von der Iberischen Halbinsel sowie aus Nordafrika und Palästina ergebe sich ein deutliches Bild, wie vernetzt das Oberwinterthur einst gewesen sein muss. (mgt/pb)
Publikation
Das Zentrumsquartier im römischen Oberwinterthur
Vom Vicus zur spätantiken Befestigung
Monographien der Kantonsarchäologie Zürich 57 (Zürich/Basel 2025)
Autor: Markus Roth
446 Seiten, 265 Abbildungen, 44 Tafeln
Preis Fr. 110.–, Sonderpreis bis 30. September 2025 Fr. 80.–
Open Access: https://doi.org/10.20384/zop-2940

Quelle: Schweizerisches Nationalmuseum (Inv.-Nr. 36043)
Goldener Fingerring mit der Inschrift Constantino fidem, gefunden in Oberwinterthur.

Quelle: bunterhund Illustration (bunterhund.ch) / J. Rohrer (bildebene.ch)
Fragment einer Bronzeschlange, gefunden auf dem Gebiet des ehemaligen Zentrumsquartiers von Vitudurum. Es gehörte einst zu einer bis zu 1.5 m hohen Merkurstatue.