10:34 KOMMUNAL

Infrastruktur für Openairs: Von Müllhaufen und Zelten

Geschrieben von: Simone Matthieu
Teaserbild-Quelle: Keystone / Salvatore di Nolfi

Die Openair-Saison neigt sich dem Ende zu. Was passiert nach den Veranstaltungen mit all dem ­Material, das für eine sehr kurze Zeit für das Publikum angehäuft worden ist?  Und wie sieht es mit der Infrastruktur aus?  Das Baublatt hat nachgefragt.

Müll nach Paléo-Festival Nyon Sommer 2014

Quelle: Keystone / Salvatore di Nolfi

Liegengelassener Müll im Camping-Bereich des Paléo-Festivals in Nyon, im Sommer 2014.

Nach wenigen Tagen sind die Openair-Anlässe vorbei. Was bleibt: tonnenweise Material. Medien berichten regelmässig von Müllhaufen, die zurückbleiben. Sie publizieren Bilder von Campingplätzen, die Geisterstädten gleichen – nur, dass anstatt bröckelnder Häuser auf den verlassenen Arealen zerfetzte Billigzelte herumstehen. Zusammen mit den Resten von abendlichen Grill- und Saufgelagen. Openair-Besucher kennen solche Szenen zur Genüge. Dennoch preisen praktisch alle Schweizer Veranstalter auf ihren Homepages unzählige Massnahmen und beeindruckende Zahlen, mit denen sie ihre Nachhaltigkeit demonstrieren. 

Bühnen zum Mieten

Ist das bloss Greenwashing? Nein, sagt Danilo Della Ca, COO Event Structures der Firma Nüssli. Das international erfolgreiche Schweizer Unternehmen hat sich auf die Erstellung der Infrastruktur einmaliger Anlässe spezialisiert – im Sport, in der Unterhaltung oder auf Weltausstellungen. Schweizer Openairs und Schwingfeste gehören zu ihren Kunden. Sowohl das Gurtenfestival, als auch das Openair Gampel greift auf das Angebot von Nüsslis Mietbühnen zurück. Für die beiden Festivals lohnt sich das: So muss man eine eigene Bühne nicht ein Jahr lang ungenutzt einlagern. «Das ergibt null Sinn», kommentiert Della Ca. Nüssli kümmert sich um Aufbau, Rückbau und ist zur Unterstützung während des Events vor Ort. Die Gurten-Bühne oder Teile davon sind kurz nach Ende des Openairs bereits an anderer Stelle im Einsatz, bald auch in Gampel. Dieses System schont die Ressourcen. Weltweit hat Nüssli neun Logistikzentren mit rund neun Millionen Elementen für temporäre Bauten. So kann die Firma schnell und agil arbeiten. «Unser Ziel ist, unsere Werkhöfe im Sommer leer zu haben», sagt Della Ca. Das heisst, die Werkstücke sind ständig an anderen Orten Teil eines Baus. Eine Lebensdauer von 15 Jahre sollen die variablen Stücke haben. Sie bestehen meistens aus Fertigmetall- oder Holz-Teilen, die man sich wie Lego-Steine vorstellen kann: Sie lassen sich je nach Bedarf in vielfältiger Weise zusammenstellen.

«Dadurch, dass es in den letzten Jahren auch gesellschaftlich ein solch grosses Thema geworden ist, kommt man nicht mehr um das Thema Nachhaltigkeit herum, auch als Festival-Veranstalter nicht», meint Lena Fischer vom Gurtenfestival. «Ganz ohne CO2-Ausstosse werden solche Grossanlässe aber nie durchführbar sein. Rein ökologisch betrachtet, sind sie per se Unsinn. Wenn es aber nur darum ginge, müssten wir grad ganz aufhören und das will ja niemand.»  Deshalb setzen sich die Openairs jedes Jahr neue Nachhaltigkeits-Ziele für die nächste Saison. Der CO2-Verbrauch, der sich nicht vermeiden lässt, kompensieren viele mit Investitionen in Nachhaltigkeits-Projekte.

Laut einer Schweizer Studie, die 30 Festivals untersucht hat, entfallen im Durchschnitt 67 Prozent aller Emissionen auf die An- und Abreise der Gäste und Künstler. Für die restlichen 20 bis 30 Prozent sind die Bereiche Energie, Verpflegung und Müll verantwortlich. Konkret heisst dies etwa beim Openair St. Gallen (OASG): «Am meisten Emissionen verursacht bei uns der Bereich Food and Beverages mit rund 50 Prozent. Die Mobilität fällt mit 25 Prozent ins Gewicht», erklärt dazu Sprecherin Nora Fuchs. Deshalb haben alle ihre Food-Stände am OASG die Auflage, mindestens ein veganes Gericht anzubieten – das ist inzwischen bei den meisten Festivals Standard. Die Zahlen zum vebrauchten CO2 variieren je nach Anlass. So gibt das Openair Gampel für 2023 in seinem freiwillig erstellten Nachhaltigkeitsbericht Folgendes an: 38 Prozent für die Verpflegung, gefolgt von Mobilität mit 32 Prozent, Energie mit 13 Prozent und Abfall mit 3 Prozent.

Ein Depot fürs Zelt

Die Zahlen belegen: Der Müll ist zwar das, was man sieht. Wenn es um Nachhaltigkeit geht, ist er allerdings eher ein kleines Problem. Deshalb steht das OASG gut da, was den Umweltschutz betrifft – es wurde sogar schon für seine Umweltfreundlichkeit ausgezeichnet. «Da sich unser Austragungsort in einem Schutzgebiet befindet, machen wir uns seit sehr vielen Jahren Gedanken über möglichst emissionsfreies Agieren im und um den Festival-Bereich», erklärt Fuchs. «Alu und Glas sind bei uns längst verboten.» Dem Campingproblem ist man im Sittertobel Herr geworden, indem Besucher für selbst mitgebrachte Zelte ein Depot von zwanzig Franken entrichten müssen. Das Geld erhält zurück, wer beim Verlassen des Areals das eingepackte Zelt vorweist. Natürlich gibt es auch hier Schlaumeier, die sich ihr Depot abholen, nur um sich des lästigen Utensils bei nächster Gelegenheit zu entledigen. Zusätzlich gab es dieses Jahr an vielen Festivals die Möglichkeit, Campingutensilien zu mieten – was laut Fuchs am OASG sehr gut ankam. Die Miet-Zelte werden nach dem Festival gereinigt und an einem anderen Standort wiederverwendet.

Den Strombedarf fürs OASG deckt die Stadt St. Gallen komplett aus grünem Öko-Strom. Das Gurtenfestival arbeitet hingegen mit Biodiesel-Generatoren. Sprecherin Fischer erklärt: «Es braucht nur einmal im Jahr so viel Strom auf dem Gurten, da ist es fraglich, ob es nachhaltiger wäre, fixe Leitungen zu verlegen.»

Gampel, Gurten und St. Gallen arbeiten alle mit freiwilligen Abfall-Sammlern, die während des ganzen Festivals aktiv sind und das Gelände säubern. «Unsere Crew ‹fötzelet› jeden Morgen, bevor die Besucher wach sind», so Lena Fischer. Auch Mehrwegbecher gehören heute zum fixen Bild. Für eine nachhaltige Durchführung von Einzelevents sind die Trinkgefässe seltsamerweise die einzige Vorschrift der Städte, denen der Boden gehört, auf dem das OASG und das Gurtenfestival stattfinden.

Party Openair

Quelle: Maxine Bhm, Unsplash

Wenn die Party vorbei ist, sollten möglichst keine Spuren auf dem Gelände des Openairs übrig bleiben.

Plastikplatten auf der Wiese

Ein Bericht über die umweltfreundlichen Massnahmen ist von offizieller Seite nicht gefragt. Festivals wie Gampel und das OSAG erstellen freiwillig einen. Die Grundbesitzer scheinen lediglich zu interessieren, dass das Gelände nach den Festival möglichst schnell wieder in seinen ursprünglichen Zustand versetzt wird. Das betrifft das OSAG und das Gurtenfestival speziell, weil sie in Naherholungsgebieten stattfinden. Seit Jahren schon schützen Plastikplatten die Wiesen während des Events. Wo nötig, wird im Nachhinein neues Grün gesät. Die Renaturierung dauert in der Regel ungefähr vier bis sechsWochen.

Ein grosser Hebel für Nachhaltigkeit an Openairs ist der Mitmachwillen der Besucher. «Wir müssen sie in die Verantwortung nehmen. Etwa schauen, dass sie konsequent mit den Öffentlichen Verkehrsmitteln anreisen», sagt Nora Fuchs. Die schweizweite Anreise ans OASG per Öffentlichem Verkehr ist neu vollumfänglich im Festival-Ticketpreis inbegriffen, die Besucher erhalten gleich am Eingang einen Kehrichtsack in die Hand gedrückt. Stationen für Abfalltrennung finden sich überall auf dem Gelände. Letztes Jahr traten Besucher in die Pedalen eines Stromvelos, um sich eine Dusche zu verdienen – eine Idee von «#wirsindzukunft», eine Initiative, die nicht nur Openairs berät, wie es sich klimafreundlicher agieren lässt.

«Die junge Generation denkt da schon anders, sie unterstützt uns bei unseren Nachhaltigkeits-Aktionen», sagt Fuchs. Und er fügt hinzu: «Manche machen uns sogar darauf aufmerksam, wenn eine nicht funktioniert.» Derweil sieht dies Danilo Della Ca  weniger romantisch: «Wer an ein bestimmtes Konzert oder einen Anlass geht, der sucht das Erlebnis. Ob der Event besonders nachhaltig ist, dürfte kaum ein Entscheidungs-Kriterium sein. Aber es gibt einem natürlich ein besseres Gefühl, wenn es so ist.» Umso wichtiger ist es, dass die Veranstalter auf freiwilliger Basis möglichst emissionsfrei arbeiten. Depot- und Mehrwegsysteme scheinen sich gut zu eignen, denn sie werden vom Publikum mitgetragen.

«White Elephants»

Bei Nüssli weiss man mit 80 Jahren Erfahrung, wovon man spricht: «Bei uns ist die Nachhaltigkeit in der DNA fest verankert. Zuerst eine Zimmerei, erhielten wir Anfang der 1940er-Jahre viele Aufträge, Zuschauerränge für Militärdefilees zu bauen. Firmengründer Heini Nüssli kam schnell auf die Idee, dass es sinnvoll ist, ein System zu entwerfen, das sich immer wieder von Neuem einsetzen lässt.» Heini Nüssli erfand sogar eine Keilkupplung, mit der sich der Unterbau von Tribünen auf alle möglichen Arten zusammensetzen lässt. Sogenannte «White Elephants» (für einmalige Events erstellte Bauten, die danach nie mehr genutzt wurden), sollen um jeden Preis vermieden werden. Zwecklose, zerfallende Olympia- oder Weltmeisterschafts-Stadien in der ganzen Welt sind ein trauriges Beispiel dafür. Della Ca erzählt, dass die französische Regierung für die aktuellen Olympischen Sommerspiele in Paris nachdrücklich den Wunsch geäussert hat, «White Elephants» zu vermeiden. Das sei Nüssli gelungen. «Eine Lanze brechen» will Della Ca für seine Schweizer Kollegen. Er benotet die Nachhaltigkeit von eidgenössischen Anlässen mit einer 5+ von 6. Das tönt doch ganz anders, als die anfangs erwähnten Müll-Bilder suggerieren.

Geschrieben von

Freie Mitarbeiterin für das Baublatt.

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