Schweizer Wirtschaft: Economiesuisse warnt vor Lieferengpässen
Während noch viele Unternehmen vom Nachholeffekt nach der Aufhebung der meisten Corona-Massnahmen profitieren, verhindern der Ukrainekrieg, Lieferengpässe und Transportprobleme, dass die Weltwirtschaft kräftig zulegen kann. Der Wirtschaftsdachverband Economiesuisse korrigiert deshalb seine Prognose für das BIP-Wachstum im 2022 nach unten.
Quelle: Mohammed Faris, Unsplash
Die Economisuisse korrigiert ihre BIP-Prognosen nach unten. Gründe hierfür sind unter anderem der Ukrainekrieg und die harten Corona-Lockdowns in China.
Zurzeit wirken sich verschiedene Faktoren negativ auf die Weltwirtschaft aus: Die stark gestiegenen Energie- und Rohstoffpreise verteuern die Produktion weltweit, zusätzlich verstärkt wird dieser Preisauftrieb laut Economiesuisse durch den Ukrainekrieg, der daneben auch für Unsicherheiten bezüglich der künftigen Konjunkturentwicklung sorgt. Dasselbe gilt laut dem Verband auch für die Lieferengpässe, zumal sich diese Probleme jüngst aufgrund der restriktiven Null-Covid-Strategie in China akzentuiert haben. Ein weiterer Faktor ist die Inflation: Sie ist in vielen Ländern so hoch wie seit Jahrzehnten nicht mehr.
Ein „Giftcocktail“ für die Schweizer Wirtschaft
Dieser ökonomische Giftcocktail übertrage sich auf die Schweizer Wirtschaft, schreibt Economiesuisse in der Medienmitteilung. Zwar ist die Auftragslage laut dem Verband nach wie vor gut. Doch auch hierzulande stiegen die Preise, wenn auch weniger markant als im Ausland. Die Lieferkettenproblematik treffe die stark auf die internationale Arbeitsteilung ausgerichtete Schweizer Wirtschaft hingegen besonders und verhindere, dass die an sich solide Nachfrage auch bedient werden könne. Zudem schwinden die Margen, weil die Inputpreise auch hierzulande stark zugenommen haben. Ebenfalls negativ wirkt sich der Fachkräftemangel aus.
„Die Schweizer Wirtschaft fährt derzeit mit angezogener Handbremse“, schreibt Economiesuisse weiter und prognostiziert, dass sich die Lage nicht so rasch ändern dürfte. „Die Aussichten für die kommenden Monate sind entsprechend wenig berauschend. Es muss davon ausgegangen werden, dass die Lieferengpässe anhalten, die Rohstoff- und Energiepreise hoch bleiben und sich die Inflation auch in der Schweiz stärker bemerkbar machen wird.“
„Eklatante Preissteigerungen“ in der Bauwirtschaft
Dennoch orten die Experten von Economiesuisse auch Lichtblicke: Ohne die belastenden Faktoren wäre nach der Pandemie ein Aufholprozess zu beobachten. So befinden sich wertschöpfungsintensive Branchen wie die Versicherungen, die Maschinen- und Elektroindustrie oder die Pharmaindustrie immer noch klar auf Wachstumskurs. Auch die Uhrenindustrie oder die Medizinalgüterindustrie können laut dem Verband deutlich zulegen. Derweil schlagen bei der Chemie- und Textilindustrie die Preissteigerungen von Inputfaktoren stärker negativ zu Buche. Die Banken können zwar teilweise vom volatilen Marktumfeld profitieren, doch das Vermögensverwaltungsgeschäft wird dadurch auch belastet.
In der Binnenwirtschaft wirken sich die internationalen Entwicklungen vor allem auf die Bauwirtschaft aus: Hier seien die Preissteigerungen teilweise besonders eklatant und die Lieferengpässe bewirkten grosse Kostenfolgen, teilt Economiesuisse mit. Herausforderungen ortet sie auch im Gross- und im Detailhandel, wo die Lieferengpässe hier vor allem dafür sorgen, dass gewisse Produkte nicht lieferbar sind und Konsumenten auf andere Produkte ausweichen müssen. Positiv sieht es derweil in den Branchen Unternehmensberatung und Gesundheitswesen aus. Positive Effekte hat die Normalisierung nach der Pandemie auch auf den Transport und den Tourismus. Und die Energieversorger profitieren gemäss Economiesuisse von höheren Preisen.
Allerdings leiden viele Branchen gemäss dem Wirtschaftsdachverband unter Fachkräftemangel. Dies, weil während der Coronapandemie viele Angestellte zögerten, die Stelle zu wechseln. Nun führten die sehr guten Jobaussichten dazu, dass Wechsel wieder deutlich zunehmen und Stellen länger unbesetzt bleiben.
Inflation und steigende Importpreise für
Rohstoffe,
Halbfabrikate und Endprodukte
Mit dem starken Franken, der hohen Energieeffizienz der Wirtschaft und dem relativ tiefen Konsumanteil für fossile Energien bekommen auch die Schweizer Konsumenten die Preissteigerungen aus dem Ausland zu spüren. Wenn auch in etwas abgeschwächter Form. Allerdings macht sich die Inflation auch hierzulande immer stärker bemerkbar: Die Importpreise für Rohstoffe, Halbfabrikate und Endprodukte haben sich deutlich verteuert. Viele Unternehmen sähen sich gezwungen, ihre Preise in den kommenden Wochen nach oben anzupassen, schreibt Economiesuisse. Entsprechend würden auch viele Endkonsumpreise erhöht werden.
Die Geldpolitik der grossen Notenbanken sei lange zu expansiv gewesen, stellt die Economiesuisse in der Medienmitteilung fest. Die US-Notenbank (Fed) habe erste Zinsschritte beschlossen, weitere werden folgen. Angesichts der sehr hohen Inflationsrate im Euro-Raum werde auch die Europäische Zentralbank (EZB) nicht darum herumkommen, die Zinsen zu erhöhen. Der Wirtschaftsdachverband nimmt an, dass dies für die Schweiz zur Folge haben wird, dass die Schweizerische Nationalbank (SNB) die Negativzinsen aufheben kann. Die langfristigen Zinsen, die bereits deutlich zugelegt hätten, würden daher weiter steigen.
Die Teuerung in der Schweiz wird 2022 im Jahresdurchschnitt auf knapp drei Prozent steigen. Auch nächstes Jahr rechnet die Economiesuisse mit einer für Schweizer Verhältnisse hohen Inflationsrate. (mgt/mai)
Umfrage: Unternehmen befürchten Energieknappheit im kommenden Winter
Nach wie vor sind die Konjunkturrisiken ausgesprochen hoch. Nachdem sich die Unsicherheit über den Pandemieverlauf reduziert hat, treten nun andere Abwärtsrisiken in den Vordergrund: Über ein Drittel der Teilnehmer der Mai-Umfrage sehen derzeit die Inflation als das grösste Konjunkturrisiko, gefolgt von den Lieferengpässen und der Rohstoffknappheit.
Zudem befürchten viele Unternehmen eine Energieknappheit im kommenden Winter, die drastische Auswirkungen auf den Konjunkturverlauf haben könnte. Eine Eskalation des Ukraine-Krieges mit entsprechenden Abwärtsrisiken erwarten rund acht Prozent der befragten Unternehmen.
Der Fachkräftemangel wird fast von gleich vielen Umfrageteilnehmern als problematisch für die konjunkturelle Entwicklung angesehen. Interessanterweise steht der Verlauf des Wechselkurses nicht mehr so stark im Fokus: Nur rund drei Prozent betrachten eine Aufwertung des Frankens als wesentliches Konjunkturrisiko für die Schweiz.
Energiemangellage und Eskalation Ukrainekrieg
Allerdings betont Economiesuisse, dass die Umfrageergebnisse eine Momentaufnahme seien und die grosse
Unsicherheit der Unternehmen über den künftigen Konjunkturverlauf zeigten. Das
Schadenspotenzial sei aber unterschiedlich. Während einzelne Risiken wie
der Fachkräftemangel und Lieferengpässe die Konjunktur bremsen, könnte sie von anderen völlig abgewürgt werden. Eine Energiemangellage im kommenden
Winter oder eine Eskalation des Ukraine-Krieges hätte schockartige,
negative Auswirkungen mit rezessiven Folgen für die Schweizer
Wirtschaft, schreibt der Wirtschaftsdachverband.
Die aktuelle Konjunkturprognose geht nur von bremsenden, nicht aber von schockartigen Entwicklungen aus. (mgt/mai)